Füssener Heimatzeitung Nr. 184

157 Füssener Heimatzeitung Nr. 184 vom Januar 2020 / II Tiedke bewohnt wurden, eines davon war deren Holzlege. Dann gab es noch die Familie Karl Hassolt mit Olga Mößmer und ihren Kindern Olivia und Charles, sie wohnten auf der rechten Seite am Ende des Flures. In diesem großen, dunklen Ge- bäude lebten verschiedenste Menschen sehr nah und familiär beisammen. Fließendes Wasser gab es in den Wohnungen nicht, lediglich in einem der Gänge. Um sich den langen Weg durch das Trep- penhaus zu sparen, rutschten die Kinder oft auf der Geländerstange herunter und krachten dann mit einem lauten Rumms gegen die Türen der Alten. Doch sie entschuldigten sich meist nett und die Insassen des Altersheims reagierten großzügig. Eine Schwester des Heilig Geist Spitals, die ebenfalls dort wohnte, hieß Schwester Irmlinde. Dann wohnte dort auch noch ein Braml Hans, der Leichenwärter war. In den Erinnerungen der Kinder sind diese ganzen Menschen aus dem Haus fast mystische Figuren, die Schwestern in ihrem Nonnengewand, der Leichenwärter, der Hausmeister in seinemwei- ßen Nachtgewand, die alten Menschen, die dicke Veronika, die barfuß durchs Haus lief und dann ihre Familien. Elf Kinder waren es insgesamt, die ihre Kindheit in diesem Anwesen verbrachten. Nicht arm war man, sondern reich Man sollte meinen, dass Kinder, die dort aufwuch- sen, wenig hatten. Doch sobald man genauer hin- schaut, erkennt man, dass genau diese Kinder sehr reich waren. Reich an Erinnerungen, reich an Eindrücken, reich an Existenzialität und demGefühl des Zusammenhaltes. Das dunkle Haus am Lech, im Winter schrecklich kalt und dunkel verschneit, im Sommer angenehm kühl. Viele Gewitter haben die Kinder von ihrem Fenster aus beobachtet und wie die Blitze zischend in die Lechfluten schlugen, folgend von einem krachenden Donner. Das Leben dort war intensiv und erfüllend. Manchmal ist we- niger einfach mehr. ■ Name : Armenhaus Adresse : Spitalgasse 6 in Füssen Erbaut : 1465, nach einem Brand 1735 neu aufgebaut Die Kinder des Armenhauses Mitte der 60er Jahre : Hansi, Hannelore, Marianne, Ursula, Christine, Marlies, Hildegard, Wolfi, Michael, Charles und Olivia. Info-Kasten  Eines der wenigen Bilder, auf denen man das Armenhaus und die Höfe der Floßergasse von hinten sieht. Bild: privat

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