Füssener Heimatzeitung Nr. 265
78 Füssener Heimatzeitung Nr. 265 vom Juli 2025 reicht ein kalter Blick oder ein verletzendes Wort, um ein Gefühl der Wertlosigkeit auszulösen. Be- sonders dann, wenn dieses Ge- fühl schon alt ist. Wenn wir gelernt haben, dass wir nur dann lie- benswert sind, wenn wir uns an- passen, stark sind oder keine Bedürfnisse zeigen. Enttäuschun- gen gehören ebenfalls zu den häufigen Auslösern. Wenn sich Hoffnungen zerschlagen – etwa in Beziehungen, im Beruf oder im Glauben an bestimmte Le- benswege – kann Schmerz ent- stehen, der sich als Leere oder Resignation zeigt. Manchmal fra- gen wir uns dann, wofür wir ei- gentlich gekämpft haben. Sinnkrisen Manche Menschen empfinden Schmerz auch, wenn sie merken, dass sie sich selbst untreu ge- worden sind. Wenn sie gegen ihre Überzeugungen leben, etwas verschweigen, unterdrücken oder sich anpassen, obwohl sie etwas anderes bräuchten. Daraus ent- stehen oft Schuldgefühle oder das diffuse Gefühl, nicht mehr im Einklang mit sich zu sein. Auch große Lebensfragen können Schmerz auslösen: Krankheit, das Älterwerden, Konfrontationen mit dem Tod oder mit Sinnkrisen. Diese Erfahrungen führen oft zu tiefer Verunsicherung – aber auch dazu, dass wir uns selbst auf neue Weise begegnen. Sich ungeliebt fühlen Es gibt auch eine Form von Schmerz, die nicht auf ein kon- kretes Ereignis zurückgeht. Sie entsteht durch einen langfristigen Mangel: zu wenig Zuwendung, zu wenig Sicherheit, zu wenig echtes Interesse an der eigenen Person. Viele erleben diesen Schmerz als anhaltende Traurig- keit, Reizbarkeit oder innere Leere – oft ohne genau zu wissen, wa- rum. Und schließlich gibt es Er- fahrungen, die sehr früh im Leben geprägt wurden – oft noch vor dem bewussten Erinnern. Wenn ein Kind nicht ausreichend Ge- borgenheit erlebt, zu viel Verant- wortung übernehmen muss oder sich nicht willkommen fühlt, hin- terlässt das Spuren, die auch im Erwachsenenalter noch wirken. Der Schmerz zeigt sich dann nicht immer offen, sondern oft als Rück- zug, Selbstkritik oder die Unfä- higkeit, Nähe zuzulassen. „Tief in mir fühle ich mich klein, ängstlich, falsch und ganz allein, tief in mir ist alles kalt, dunkel, schwarz, zusammengeballt.“ Schmerz als Zeichen von Lebendigkeit Es gibt Erfahrungen, die uns nicht gleichgültig lassen – weil wir le- ben, weil wir fühlen, weil wir mit der Welt verbunden sind. Schmerz gehört dazu. Er ist ein Ausdruck unserer Lebendigkeit. Wo nichts mehr berührt, wo nichts mehr wehtut, da ist auch nichts mehr lebendig. Schmerz zeigt: Etwas ist in mir wach. Ich bin nicht taub, nicht abgeschnitten, nicht gleich- gültig. Es mag sich nicht gut an- fühlen, aber es ist ein klares Zei- chen: Ich bin hier. Ich bin da. Ich reagiere. Diese Empfindsamkeit ist kein Mangel. Im Gegenteil: Sie ist die Grundlage für alles, was menschlich ist. Wer Schmerz fühlen kann, kann auch mitfüh- len. Derjenige, der seine eigene Wunde kennt, begegnet der Wun- de des anderen nicht mit Abwehr, sondern mit Achtung – der Fortsetzung von Seite 77 Fortsetzung auf Seite 80
RkJQdWJsaXNoZXIy NDYxMw==