Füssener Heimatzeitung Nr. 257

73 Füssener Heimatzeitung Nr. 257 vom Dezember 2024 Die grünen Vorhänge So begann ein Heiligabend in den Siebzigerjahren, in der Früh, als ich in meinem Kinderzimmer lag, welches mit schönen, weißen barocken Möbeln und nicht be- sonders passenden, eher stillo- sen grünen Vorhängen ausge- stattet war. Schon als Kind fragte ich mich fast jeden Tag, wie man nur so langweilige und ge- schmacklose Vorhänge in ein so schönes Zimmer hängen kann. Sie erzeugten nie ein schönes Licht, weder im Sonnenaufgang, noch imSonnenuntergang gaben sie der Sonne die Chance, er- wärmend in das Zimmer zu strah- len. Lieber verschluckten sie alles Schöne und Heilige, was einem Licht ins Herzen schicken will. Sie stammten eben aus jener Zeit, in der man sich schönere Vorhänge bislang nicht leisten konnte. Also zog ich nach dem Aufwachen zuerst die Vorhänge auf und ging meiner Passion nach. Ich liebte es, aus den Fens- tern zu schauen und den Blick auf die großen Tannen des Nach- bargartens zu werfen, deren Äste sich unter der Last des Schnees beugten. Auf der Schaukel, auf der ich imSommer wie eineWilde schaukelte, lag viel Schnee, den die Morgensonne mit winzigen Kristallen märchenhaft glitzern ließ. Alles war in dieser Stille vollkommen regungslos, vollkom- men ruhend. Die Umtriebigkeit der anderen Jahreszeiten war er- loschen. Alles war in einer tiefen Entschleunigung versunken. Ver- mutlich wollte auch unsere ge- liebte, von so viel Kinderfreude durchwirkte Schaukel ihre Ruhe haben und verbannte mich für ein halbes Jahr aus ihrem Wir- kungskreis. Auch sie wollte für ein paar Monate in den winterli-  Weihnachten Anfang der 40er-Jahre. Vorn lenkt mein Vater, Hermann Driendl, den Winterschlitten und hinten sitzen v.l.n.r. Luisa Müller, meine Oma Aloisia Driendl und ihre Schwester Franziska Feigel. Bild: privat Fortsetzung auf Seite 74

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