Füssener Heimatzeitung Nr. 255

144 Füssener Heimatzeitung Nr. 255 vom November 2024 Serie: Außerfern Das Heilige Grab von St. Anna in Reutte Ein Bericht von Elisabeth Wintergerst 29. März 1918 - Karfreitag. Der Militärbaumeister Josef Weiss hat über Ostern Heimaturlaub und darf seine Familie in Prag-Smichov besuchen. Er ist Offizier und beauftragt, eine Bahnlinie in der Steiermark zu bauen, und deswegen der Leiter eines Arbeitslagers. Alle hungern, er auch. Den Exerzierplatz des Lagers lässt er umgraben, um dort Kartoffeln anzubauen. Sein Bettzeug zerreißt er, damit daraus Verbände hergestellt werden. Sein Herz ist schwer. Umso mehr genießt er den Heimaturlaub. Seine achtzehnjährige Tochter Auguste hat sich mit Freunden verabredet, um die mannigfaltigen Heiligen Gräber in den Kirchen von Prag zu bewundern. Es gibt viel zu sehen und sie kommt erst deutlich verspätet nach Hause. Ihr Vater ist wütend und schlägt sie, was sonst gar nicht seine Art ist, aber seine Nerven liegen blank. Auguste dagegen ist äußerst verletzt, noch als junge Frau von ihrem Vater geschlagen zu werden. Josef Weiss muss nach Ostern wieder nach Birkfeld in der Steiermark. Eine Aussöhnung gibt es nicht mit seiner Tochter. Auguste sieht ihren Vater nicht wieder, denn er steckt sich an der Spanischen Grippe an und stirbt am 3. Dezember 1918 in Birkfeld. Die junge Frau war meine Großmutter Auguste Vrabec, geb.Weiss. Ein Leben lang hat meine Großmutter Auguste Vrabec, geb. Weiss die Ereignisse des Karfreitags 1918 mit sich herumgetragen, die wunderbaren Heiligen Gräber, von denen sie sich nicht losreißen konnte, der Streit mit dem Vater als letzte Begegnung mit ihm. Doch nun zum Heiligen Grab von Reutte, das sicher nicht weniger atemberaubend ist, als die heiligen Gräber in den Prager Kirchen. Ursprung der Heiligen Gräber Nach dem ersten Kreuzzug im Jahre 1096 war Jerusalem unter christlicher Verwaltung. Pilger konnten nun sicher dorthin reisen und jene Orte besuchen, an de- nen Jesus der Überlieferung nach gelebt und gewirkt hatte und auch gestorben war. Ein Besuch der monumentalen Grabeskirche, die über dem Grab Jesu errichtet wurde, gehörte hier als Krönung Fortsetzung auf Seite 147 dazu. Es entstand der Wunsch, auch zuhause ein Stück Jerusalem entstehen zu lassen, und so wur- den zur Osterzeit in den Kirchen „Heilige Gräber“ aufgestellt. So konnte jeder, der die Kirche be- suchte, eindringlich die letzten Tage des Gottessohnes nachemp- finden. Das Geschehen der Pas- sion wurde begreifbar und die frohe Botschaft der Auferstehung am Ostersonntag erfüllte die Be- trachter mit großer Freude. Es entstanden prächtige Heilige Grä- ber, die oftmals den ganzen Al- tarraum ausfüllten. Verboten und vergessen Unter Kaiser Joseph II. wurden diese Heiligen Gräber 1782 als „Sensationen“, die die wahre An- dacht verhindern, verboten, eben- so fielen zahlreiche dieser kul-

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