Füssener Heimatzeitung Nr. 250

189 Füssener Heimatzeitung Nr. 250 vom Juni 2024 / II  Das Banner zur Ausstellung der Fotografien von Hugues Krafft, gestaltet von Marcus Span- genberg. Bild: Marcus Spangenberg Von Kempten nach Hohenschwangau Immer wieder zitiert Spangenberg aus Kraffts Rei- sebericht, was den ganzen Vortrag sehr lebendig macht. Dazu die jeweiligen Fotos, sodass man sich tatsächlich in die Zeit um 1886 zurückversetzt fühlen konnte. Er beschreibt z.B. detailgenau, wie er von Kempten nach Füssen fuhr. „Von dort (Kemp- ten) ging es mit örtlichen Verkehrsmitteln weiter nach Füssen, d.h. in einem offenen Wagen auf vier Rädern, der von nur einem einzelnen Pferd gezogen wurde.” Die Fahrt dauerte sechseinhalb Stunden, „denn die Pferde haben ihre Gangart vollkommen der Gemütlichkeit ihrer Lenker ange- passt.” Und so geht die Fahrt durch eine malerische Landschaft, wie er selbst schreibt. Er kommt an Füssen vorbei, das damals noch mit der Stadtmauer umschlossen war. Weiter geht es, bis er zum ersten Mal Neuschwanstein erblickt: „Bald zeigt sich der weiße Koloss von Neuschwanstein, der hoch über der Ebene thront und sich deutlich vom dunklen Grün abhebt, als wäre er der Fortsatz der ihn stüt- zenden und beherrschenden Felsen.” Königinmutter zerstört Ludwigs Schlafzimmer Auch Hohenschwangau wird von Krafft beschrieben. Damals noch ein kleiner Weiler mit fünf oder sechs Häusern, „die sich gewissermaßen als Nebenge- bäude um das weiter oben gelegene Schloss ver- teilen.” Auch das Gasthaus Alpenrose wird schon erwähnt, das allerdings dem Ansturm des neu er- wachten Tourismus nicht gewachsen sei. Als er Schloss Hohenschwangau besichtigt, sieht er das Schlafzimmer des Königs (vormals das seines Va- ters) noch originalgetreu, was deshalb so interessant ist, weil es leider heute nicht mehr so existiert. Ludwigs Mutter Marie hat wenige Wochen nach Ludwigs Tod diese Ein- und Umbauten ihres Sohnes wieder in den alten Zustand zu Zeiten ihres ver- storbenen Mannes zurückbauen lassen. Krafft schreibt: „Nach dem Tod seines Vaters hat Ludwig II., der übrigens bis zum Ende weiterhin in Hohen- schwangau wohnte, nur eine einzige Veränderung im Inneren des Schlosses vornehmen lassen: Sein Schlafzimmer wurde anders eingerichtet. In dem nur 5 Quadratmeter großen Raum stehen umgeben von einer südländischen Landschaft an denWänden drei künstliche Orangenbäume unter einem auf die Zimmerdecke gemalten nächtlichen Sternen- himmel. Der Raum bietet eine direkte Sicht auf Schwanstein. Dieser unlängst noch kahle Ort muss unweigerlich die künstlerische Fantasie des jungen Monarchen angeregt haben.” Fortsetzung auf Seite 191

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