Füssener Heimatzeitung Nr. 212

50 Füssener Heimatzeitung Nr. 212 vom November 2021 / II 11. und 12. Jahrhunderts. Das be- krönte Wappen in der Mitte ver- weist direkt auf Ludwig II.: unten dasWittelsbacher Rautenwappen, darüber der Schwan als Wappen- tier der Grafen von Schwangau, als deren Nachfolger sich Ludwig II. als Bauherr vonNeuschwanstein sah, darüber eine mittelalterliche Bügelkrone. Selbst der Federhalter erinnert mit seiner Schwurhand an den unmittelbarenGottesbezug eines christlichenmittelalterlichen Herrschers. All das diente der Be- schwörung des Königtums von Gottes Gnaden, hier im Kleinen – im Thronsaal im Großen. Das Arbeitszimmer ist ein Originalschauplatz Die Wandgemälde im Arbeitszim- mer stellen die Tannhäuser-Sage dar. Wie in der gleichnamigen Oper Wagners wird sie mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg ver- knüpft. Der König arbeitete an dem großen Tisch imMittelpunkt des Raumes, auf dem jetzt für kurze Zeit wieder seine Schreib- garnitur zu besichtigen war. Im Schrankwurden die Schlosspläne und die Entwurfszeichnungen für Neuschwanstein aufbewahrt. Die Balken und Konsolen der Decke sind mit reichemSchnitzwerk ver- sehen. Das Arbeitszimmer war ein tragischer Ort Mit den neuen Ausstellungsstü- cken wurde tatsächlich und wort- wörtlich Geschichte geschrieben. Denn in dieser Schreibmappe des Königs lag der berüchtigte, von Bismarck diktierte „Kaiser- brief”, den er am 30. November 1870 unterzeichnete, in dem die Kaiserkrone dem Hohenzollern- königWilhelm angetragen wurde. Am 18. Januar 1871 erfolgte im Spiegelsaal von Versailles die offizielle Kaiserproklamation Wil- helms. Die Reichsgründung war somit das Ende eines eigenstän- digen Bayerns und Ludwig wurde p Federhalter von König Ludwig II., mit dem er auch seinen letzten Brief schrieb, einen Hilferuf an seinen Cousin Ludwig Ferdinand von Bayern. Auch die Kaiserproklamation unterschrieb er damit, die Bayern direkt dem deutschen Kaiser unterstellte. Bild: © Bayerische Schlösserverwaltung p Detail des Federhalters: Die Spitze erinnert mit ihrer Schwurhand an den unmittelbaren Gottesbe- zug eines christlichen mittelalterlichen Herrschers. Bild: © Bayerische Schlösserverwaltung Fortsetzung von Seite 49

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