Füssener Heimatzeitung Nr. 197

131 Füssener Heimatzeitung Nr. 197 vom Dezember 2020  Kanadagänse im Flug. Bild: pixabay die goldene Eier legt, in der Hoff- nung auf einen riesigen Gold- klumpen im Bauch der Gans – was zu einemSprichwort für kurz- sichtige Gier und die ökonomi- sche Unsinnigkeit einer Tat wurde. Im Märchen von der Goldenen Gans findet Dummling unter einer Baumwurzel (also im Erdenreich) eine Goldene Gans. Dies verhilft ihm dazu, das Herz der Königs- tochter zu erringen, und letzt- endlich so die Königswürde zu erlangen. Ebenfalls wird hier das Gold zum Symbol des Bewusst- seinsweges und das Königtum zum Ausdruck der erfolgreichen Ganzwerdung der Seele, wozu die Gans verhilft. Das Brauchtum setzt die Gans mit Zeiten der Wandlung in Beziehung. Zum ei- nen ist dies in heutiger Zeit St. Martin am 11. November (Mar- tinsgans) bevor die vorweihnacht- liche Fastenzeit beginnt, eine Zeit der Geister (Allerheiligen, Aller- seelen, Totensonntag) - in der keltischen Tradition ist die Zeit umSamhain das Ende des Jahres, weshalb der „Jahresvogel“ ge- opfert wird. Zur Weihnachtszeit verweist die Gans imGänsebraten auf ihren Bezug zur Sonne, die ihren tiefsten Punkt erreicht hat – „gestorben“ ist – und nun neu erstehen wird. In verschiedenen Kulturen auf der nördlichen Erd- halbkugel ist der Gänsebraten immer mit demBeifuß verbunden, einer Schamanenpflanze, die „den Weg nach oben freimacht”, so der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl. Wildgänse rauschen durch die Nacht Mitten im ErstenWeltkrieg schrieb im Jahr 1916 Walter Flex ein Ge- dicht, das mit der Melodie von Robert Götz zu einem sehr be- Fortsetzung auf Seite 132 kannten Lied der Wander- und Jugendbewegung wurde. Über die Entstehung hielt Walter Flex folgendes fest: „Ich lag als Kriegsfreiwilliger wie hundert Nächte zuvor auf der gra- natenzerpflügten Waldblöße als Horchposten und sah mit wind- heißen Augen in das flackernde Helldunkel der Sturmnacht, durch die ruhelose Scheinwerfer über deutsche und französische Schüt- zengräben wanderten. Der Braus des Nachtsturms schwoll anbran- dend über mich hin. Fremde Stim- men füllten die zuckende Luft. Über Helmspitze und Gewehrlauf hin sang und pfiff es schneidend, schrill und klagend, und hoch über den feindlichen Heerhaufen, die sich lauernd im Dunkel ge- genüber lagen, zogen mit mes- serscharfem Schrei wandernde Graugänse nach Norden … Die

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