Füssener Heimatzeitung Nr. 161

168 Füssener Heimatzeitung Nr. 161 vom August 2018 / II Mit seinen Gestalten wandeln, mit ihnen sprechen und sie lieben Ludwig hatte einen sehr feinen und tiefgründigen Geist. Seine Liebe floss in die Vergangenheit hinein, sie floss in der Gegenwart und in der Zukunft. Seine Vereh- rung, seinMitgefühl und seineVer- bundenheit zu Marie Antoinette kommt besonders in diesem do- kumentierten Gespräch heraus: Als der König einmal bemerkte, dass sein Kabinettssekretär Zieg- ler lächelte, als er sich vor der Büste Marie Antoinettes verbeug- te, stellte er ihn folgendermaßen zur Rede: „Meine Huldigung vor dem stummen Bilde kam ihnen lächerlich vor und wahrscheinlich hielten sie mich für verrückt. Doch, mein lieber Ziegler,” be- ruhigte der König den verwirrt Dastehenden, „es ist ihnen ver- geben, nun, hören sie: Ich besit- ze, wie Sie wissen, eine ausge- sprochene Vorliebe für französi- sche Literatur und so vertiefte ich mich auch in die große Revo- lution. Dort lernte ich die glän- zendste aller Königinnen in ihrem scherzenden Glücke, dann aber auch in ihrem tiefsten Elende kennen. Und je grässlicher das- selbe wurde, desto größer wuchs die Fürstin aus dem Schlamme des Unglücks heraus, bis sie vor den Schranken Fouquier-Tinvilles stand. Umgeben von unheilvoller Finsternis, wie im blassen Reiche der Schatten, umrauscht von den Gewässern der Unterwelt, von demmythischen Strome der Kla- ge, stand sie mutvoll, von aller Welt verlassen, ihren Bestien von Menschen gegenüber, auf den bleichen Zügen grenzenlose Ver- achtung - und doch königlich! Da hub meine Bewunderung an, für das göttlicheWeib und ich sprach mit dem toten Marmor, machte ihm Rettungsvorschläge, wenn auch 100 Jahre zu spät, lud ihn zu Gast, lustwandelte mit der schönen Königin. Und warum sollte ich nicht tun, was jeder echte Dichter tut: mit seinen Ge- stalten wandeln, mit ihnen spre- chen und sie lieben, wenn sie ihm liebenswert dünken? Mit mei- ner Verbeugung ehre ich aber nicht nur Marie Antoinette, son- dern jedes mutvolle Weib, sei es nun französisch oder deutsch!” Fortsetzung v0n Seite 167  Marie Antoinette

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