Füssener Heimatzeitung Nr. 161
140 Füssener Heimatzeitung Nr. 161 vom August 2018 / II zur Alpenrose Mittag, ging Nach- mittag spazieren und kleidete mich abends für die Audienz an.“ Ein alter bärtiger Diener empfing mich „Es war eine sternenhelle Nacht, das ganze Land ringsum glitzerte in der Schneedecke und dort, das „Zauberschloss“ auf dem Berg droben, war glänzend er- leuchtet. Ich sah mit Spannung, doch ohne jede Aufregung, der Stunde entgegen, in der ich dem „Zauberkönig“ gegenüberstehen sollte. Gegen ½ 8 Uhr fuhr der Wagen vor und brachte mich ins Schloss. Ein alter, bärtiger Diener empfing mich und geleitete mich durch eine Wendeltreppe nach oben. Die Totenstille im Schloss erregte Erinnerung ans Märchen vom Dornröschen. Man führte mich in eine Art Vorhalle. Abbil- dungen aus dem Nibelungenlied schmückten die Wände.“ Geräuschlose Diener „Im kleinen, matt erleuchteten Saale gingen einige Diener ge- räuschlos (mit Filzschuhen an den Füßen) hin und her und un- terhielten sich flüsternd. Man trug mir auf, meine Instrumente herzurichten und beim Eintreten den Cylinderhut an der Thüre auf den Boden zu stellen. Einige Mi- nuten nach 8 Uhr geleitete mich einer der Diener, die in gewöhn- licher Hauskleidung waren, an die Thüre des kgl. Vorzimmers, ließ mich eintreten und machte die Thüre hinter mir zu.“ Die mächtige Gestalt fesselte mich „Kaum hatte ich meinen Hut nie- dergesetzt, kam zu der gegen- überliegenden Thüre der König ein. Die mächtige Gestalt des Monarchen fesselte mich. Elas- tischen Schrittes trat der König gegen mich zu, blieb an einem Tische stehen und sprach, die linke Hand auf die Tischplatte aufstützend, mit leiser und etwas heiserer Stimme: „Sie sind Doktor Gerster. Sie waren in Paris und London, wie hat es Ihnen dort gefallen?“ „Gut, Majestät“, erwi- derte ich. „Ich habe Sie wegen meiner Zähne rufen lassen“, fuhr er fort und deutete mit der Hand auf die Thüre eines kleinen Ne- benzimmers. Ich trat einige Schrit- te vor und ließ den König voran- gehen, dann folgte ich und mach- te die Thüre hinter mir zu.“ Befehl im liebenswürdigsten Ton „Das kleine Gemach, in welchem wir uns nun befanden, war durch 12 Reflektor-Petroleum-Lampen, die nebeneinander an der Wand einer Nische angebracht waren, hell erleuchtet. Im Brennpunkt aller dieser Lampen, einige Schrit- te vor der Nische, stand ein klei- ner Stuhl mit runder, kurzer Leh- ne. Links davon war ein Wasch- tisch und auf diesem breitete ich, dem Befehl des Königs fol- gend, meine Instrumente aus, die ich zu eventueller Plombie- rung der kgl. Zähne benötigte. Dann setzte er sich und erzählte mir von den Leiden, die ihm die Zähne verursachten. Er legte mir bezüglich einer Plattemit falschen Zähnen, die er imOberkiefer trug, Verschwiegenheit auf und befahl dann, im liebenswürdigsten Ton, einige schadhafte Zähne zu plom- bieren.“ Augen von märchenhafter Tiefe „Nun stand ich vor ihm und sah ihm in die Augen. Ich habe nie so wunderbar schöne Augen ge- sehen. Noch war der schwärme- rische Blick, der alle Frauen be- zauberte, vorhanden, noch jene faszinierende Gewalt in demBlick dieser blauen Augen, in die man schaute wie in einen Bergsee von märchenhafter Tiefe. Dabei war alles, die Haltung, die Sprache, jede Bewegung so ungezwungen, die Ausdrucksweise so verbind- lich, so liebenswürdig, dass man gefesselt war von demGedanken, wie es wohl aussehen möge, in der Seele dieses Mannes.“ Be- einflusst von den Verleumdungen, die schon damals überall ver- breitet wurden, fuhr der Zahnarzt in seinemTagebuch wie folgt fort: „AllemAnschein nach war er auch schon umklammert von dämoni- Fortsetzung v0n Seite 136
RkJQdWJsaXNoZXIy NDYxMw==