Füssener Heimatzeitung Nr. 159

179 Füssener Heimatzeitung Nr. 159 vom Juli 2018 damals noch einen VW, den er an allen Seiten mit Wahlkampfplakaten beklebt hatte. Damit fuhr er in jedes Dorf, stellte seinen Lautsprecher aufs Au- todach und drehte ihn auf: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, hier spricht Ihr sozialdemokratischer Bundestagskandidat für das Allgäu. Ich möchte Sie darauf aufmerksammachen, die Glocken dieses Kirchturms läuten nicht nur für Katholiken, sie läuten auch für Sozialdemokraten!” Da kam es schon mal vor, dass ein Pfarrer beim Fenster he- rausdrohte. Der Wahlkampf war auf jeden Fall er- folgreich. Lattmann zog in den Bundestag ein, hatte mittlerweile drei Wohnsitze, drei Bademäntel, drei Zahnbürsten und strapazierte seine Ehefrau. Nach zwei Legislaturperioden war ihm die Politik, die drei Wohnsitze und die Heimatlosigkeit selber zu viel. Und seiner Frau zuliebe hörte er auf und widmete sich wieder der Schriftstellerei, zu der er sich sowieso von seinem Herzen her viel mehr hingezogen fühlte. Während der Zeit als Politiker schrieb er das Buch „Die Einsamkeit des Politikers”, das sich vor allemmit seinemeinsamen Kämpfertum auseinandersetzt. Seine SPD-Genossen und er In der SPD, und unter seinen Genossen, galt er als „Aufmüpfiger”, bei dem man nie wusste, ob er wieder quer treibt, und der sicher nicht stromlini- enförmig agierte. Er gehörte zu den wenigen Ab- geordneten, die sogar gegen die eigene Fraktion stimmten, wenn er anderer Meinung war. Diplomatie war dabei nicht seine Stärke und er sagte seine Meinung geradeheraus. Insgesamt stimmte Latt- mann zweimal gegen seine eigene Partei. Das kün- digte er auch vorher immer an. Wehner daraufhin: „Tu, was du musst.” Dieter Lattmann war das eher egal, weil sein Entschluss, mit der Politik aufzu- hören, bereits feststand. Und somit nahm er den Skandal in Kauf. Trotzdem wurde er von seinen Parteigenossen respektiert, vielleicht gerade des- halb, weil er dafür bekannt war, die Wahrheit zu sagen und eine gute Wahrnehmung und Auffas- sungsgabe zu besitzen. Was er sagte, war klar, hatte Bedeutung und Gewicht. Als Helmut Schmidt Kanzler wurde, fragte er Lattmann eines Tages, was denn die eigenen Parteigenossen so über ihn denken. Und Lattmann, wie immer ehrlich, meinte, dass er als Kanzler noch nicht ganz er selber wäre, noch zu unsicher. „Die wollen den sicheren Helmut, Fortsetzung von Seite 177 der in Dir steckt.” Schmidt hat ihm das nicht übel genommen. Im Gegenteil, er unterstützte Lattmann wiederum in der Künstlerfrage. Dieter Lattmanns Passion war die Künstlersozialversicherung, die er ins Leben rief. Das sah er auch als seine wichtigste Leistung an, dass er diese als Gesetz durchbringen konnte. Bis zuletzt widmete er sich der Unterstützung der Künstler. Noch mit 91 Jahren gründete er die Stiftung Literatur, mit der er ältere, notleidende Schriftsteller unterstützte, aber auch junge Autoren fördern wollte, die politische, er- zählende Dichtung schreiben. Begonnen hatte alles mit der Gründung und dem Vorsitz des Ver- bandes Deutscher Schriftsteller, in dem er mit dem Elend vieler Künstler in Berührung kam. Unbequemer Genosse Schwerpunkte seiner politischen Arbeit waren zum einen die Unterstützung der Schriftsteller durch seine sogenannte „Lex Lattmann”, die Künstler- sozialversicherung, die durch ihn eingeführt wurde. Zum anderen aber auch so unliebsame Themen wie Atomenergie und der Bau von Kernkraftwerken, die er strikt ablehnte und wogegen er sich noch in hohem Alter bei Bürgerinitiativen gegen Atom- energie engagierte. Auch die Friedensbewegung unterstützte er in Bürgerinitiativen. „Als Politiker behauptete er, die Republik sei lieblos, nur an materiellenWerten interessiert, stilisiere Wachstum zur Staatsreligion hoch und sei, wenn überhaupt noch Demokratie, nicht mehr jener Staat, den das Grundgesetz gemeint habe.” Ein Ausschnitt aus einer Rezension im Spiegel von Jürgen Leinemann über Lattmanns Buch, „Die lieblose Republik”. Er wirft Deutschland vor, dass es eine lieblose Republik sei mit lieblosen Bürgern. Selbstkritisch schreibt er im gleichen Buch, „dass man in der Politik un- tertaucht und bald nicht mehr auffindbar ist, weder für andere noch für sich selbst“. Im Dritten Reich degradiert Dieter Lattmann wurde 1926 in Potsdam in eine Offiziersfamilie hinein geboren. Sein Vater war Ar- tillerie-Oberst. Lattmann selber bezeichnet seine Familie als herzlich, aber streng, mit dem Rohrstock hinter der Tür. Mutter drohte dem Vater alles zu sagen, wenn sie frech waren, „wartet nur, bis Vater heute Abend heimkommt!” Von dieser Familie übernahm er alles, was ihn später auszeichnete, Fortsetzung auf Seite 180

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