Füssener Heimatzeitung Nr. 158

131 Füssener Heimatzeitung Nr. 158 vom Juni 2018 Karfreitag 1619 Wir schreiben das Jahr 1619, Schauplatz ist Füssen amHeiligen Karfreitag. Was Emma hier erleb- te, war die erste Prozession mit Kreuzen in Füssen, wie ein kleines Passionsspiel, vor 397 Jahren. Und es begann tatsächlich an der Jesuiten-Kirche, der Krippkir- che, in der Reichenstrasse rechts neben dem heutigen Schuh-Wolf. Überliefert hat uns die Geschichte Karl Reiser. Karfreitag war wohl der schwerste Tag des Kirchen- jahres. An diesemTag starb Jesus am Kreuz. „Kar“ kommt vom alt- hochdeutschen „kara“, das Klage, Kummer oder Trauer bedeutet. Ja, und die Älteren unter uns kön- nen sich sicher noch erinnern, wie es da zu Hause zuging, wie die Oma den ganzen Tag mit Be- ten zubrachte, wieman auf keinen Fall lachen oder scherzen durfte, wie das Essen ganz einfach ge- halten wurde und ohne Fleisch, und wie jeder froh war, als dieser tonnenschwere Tag wieder herum war. Als Kind erfuhr man, dass an diesem Tag Jesus wegen den Sünden der Menschen sterben musste, auch wenn man es nicht verstand. Aber irgendwie färbte das Gefühl von Schuldigkeit, das die anderen verströmten, auf ei- nen ab. Ostersonntag und die Freude Ja, und dann kam der Ostersonn- tag, der Höhepunkt von Ostern, dem wichtigsten Fest des Kir- chenjahres. Aus meiner Kindheit habe ich noch besonders in Er- innerung, wie strahlend im Ver- gleich zum Karfreitag dieser Tag oft war. Die Sonne leuchtete mehr als sonst, der Himmel war ein- deutig blauer und die Kirchen- glocken läuteten besonders hei- lig. Ja, diese Glocken durchklan- gen die Stadt, und wer sie mit seinem Herzen vernahm, wurde von diesem Klang ergriffen und tief berührt. Es war, als ob sich ein ganz besonderer Frieden über die Stadt legte, und ein Verspre- chen in der Luft lag. DieMenschen waren meist gut gelaunt, man durfte ja auch wieder lachen. Mutter putzte alle Kinder fein he- raus, und dann ging man unter Glockenläuten zur Kirche. Die Or- gel umfing einen mit mächtigem Klang, und der Organist stimmte das erste Lied an, „Großer Gott, wir loben dich ...“, das links und rechts meine Muhme und Mutter inbrünstig schmetterten. Ja, und da beschlich einen dann das Ge- fühl von besonderer Heiligkeit, an der man Teil hatte, die einen durchdrang und mit Ehrfurcht er- füllte, vor allem Jesus gegenüber, der drei Tage nach seinem Tod  Die Krippkirche in der Reichenstraße, 1943, Bildquelle: Stadtarchiv, Fotograf nicht bekannt Fortsetzung auf Seite 132

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